Die vier chinesischen Wundertiere

Die Siling 四灵 („Vier heilige Wundertiere“) sind Fabelwesen und kommen aus dem Bereich der chinesischen Mythologie. Laut Überlieferung sollen sie bereits dem Urwesen Pangu 盘古, dem Schöpfer der Welt, bei der Erschaffung von Himmel (Yang 阳) und Erde (Yin 阴) geholfen haben. Die „Vier Wundertiere“ sind allerdings erstmals für die Zhanguo-Zeit 战国 475 v. Chr. – 221 v. Chr. („Zeit der Streitenden Reiche“) belegt.

1. Qilin – Das chinesische Einhorn

Während der Ming-Dynastie wurde das Qilin 麒麟 mit dem Kopf eines Drachen, den Hufen eines Ochsen und einem Körper aus Schuppen dargestellt. In der darauffolgenden Qing-Dynastie kamen der Bart eines Karpfen, der Schwanz und die Mähne eines Löwen und ein Hirschgeweih hinzu.

In den Bestandteilen des Wortes Qilin beschreibt Qi 麒 das männliche Tier und Lin 麟 das weibliche Tier. So vereinen sich in diesem Wesen beide Bestandteile der kosmologischen Vorstellung von Yin und Yang. Das chinesische Einhorn gilt durch die Löwenmähne und den Löwenschwanz als „Herr der behaarten Tiere“ und steht allgemein für Glück, Friedfertigkeit und Kindersegen.

Qilin – Das chinesische Einhorn

Qilin – Das chinesische Einhorn

2. Long – Der Drache

Auch das Motiv eines Drachen 龙 ist erstmals für die Zeit der Streitenden Reiche belegt. Der Drache ist das bekannteste Fabeltier aus China und hat in der chinesischen Kultur einen besonders hohen Stellenwert. Ein Drache mit fünf Krallen galt während der Kaiserzeit als Symbol für den Kaiser und schmückte die Roben, Möbelstücke und Paläste der früheren Herrscher.

Der Drache gilt in China allgemein als Glückssymbol und bringt Regen und Fruchtbarkeit. Allerdings hat der chinesische Drache keine Flügel – der Legende nach verbringt er 1000 Jahre im Wasser, bis ihm Hörner wachsen. Durch die Kraft der Hörner kann der Drache fliegen. Der chinesische Drache hat den Kopf eines Wasserbüffels, die Mähne eines Löwen und der Körper gleicht dem einer Schlange. Zudem ist der gesamte Körper mit den Schuppen eines Karpfens bedeckt. Der Drache gilt als „Herr der geschuppten“ Tiere.

3. Gui – Die Schildkröte

Auch die Schildkröte 龟 ist eines der vier Wundertiere und gilt als „Herr der gepanzerten Tiere”. Sie steht für Unsterblichkeit und ein langes Leben. Die Schildkröte ist ein sehr symbolträchtiges Tier und findet sich häufig in der chinesischen Kunst wieder. Sie birgt die Geheimnisse des Himmels und der Erde. Seit jeher wird die Wölbung des Schildkrötenpanzers mit dem Himmel und der Brustpanzer mit der flachen Scheibe der Erde verglichen.

Als Held zahlreicher Legenden half die Schildkröte schon dem ersten Kaiser Qin Shihuang bei der Bändigung des Gelben Flusses. Noch heute werden beispielsweise steinerne Grabstelen mit Schildkröten gekrönt.

4. Fenghuang – Der chinesische Phönix

Phönix

Der chinesische Phönix

Der Phönix凤凰 gilt als „Herr der gefiederten Tiere“. Er erscheint, wenn ein guter Herrscher an der Macht ist. Schon Konfuzius beklagte, dass der Phönix nicht mehr erscheine, „weil wohl die Regierung so schlecht und kein gutes Zeitalter in Sicht sei.“

Während der Kaiserzeit erscheint der Phönix in der Kunst häufig zusammen mit dem Drachen. In dieser Kombination steht der Drache für den Kaiser und der Phönix als Symbol für die Kaiserin.

Autorin: Anna Sellmann

Sinologin M.A. | Dozentin für Chinesisch | Mitarbeiterin im Museum für Ostasiatische Kunst Köln | Mitarbeiterin im Museum für Lackkunst Münster | Blog-Redakteurin

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