Besonderheiten der chinesischen Sprache

Chinesisch ist eine der faszinierendsten Sprachen der Welt. Die Faszination liegt allerdings nicht in der gesprochenen Sprache, sondern zu einem Großteil in den chinesischen Schriftzeichen. Es gibt insgesamt über 80.000 Schriftzeichen mit unterschiedlicher Bedeutung. Viele dieser Schriftzeichen werden aber heute kaum oder gar nicht mehr verwendet. Um eine Zeitung lesen zu können, reicht die Kenntnis von etwa 3000 bis 5000 chinesischen Zeichen aus.

Jedoch sind nicht alle Schriftzeichen gleich aufgebaut. Insgesamt gibt es sechs unterschiedliche Arten für die Bildung von chinesischen Schriftzeichen.

1. Piktografische Schriftzeichen

Die piktographischen Zeichen haben sich im Laufe der Zeit stark verändert und lassen nur noch erahnen, welches Bild sie vor über 3.000 Jahren einmal dargestellt haben.

日 (rì) Sonne, Tag                月 (yuè) Mond, Monat            木 (mù) Baum, Holz
人 (rén) Mensch                  鸟 (niǎo) Vogel                           口 (kǒu) Mund

2. Assoziativkomposita

明 (míng) → Zusammengesetzt ergeben Sonne und Mond das Zeichen „Leuchten“.
休 (xiū) → Aus Mensch und Baum ergibt sich das Zeichen für „Pause“.
林 (lín) → Aus zwei Bäumen ergibt sich das Zeichen für „Wäldchen“.
森 (sēn) → Aus drei Bäumen ergibt sich das Zeichen für „Wald“.
鸣 (míng) → Aus Vogel und Mund ergibt sich das Zeichen für „zwitschern, piepen, schreien“.

3. Indikatorische Schriftzeichen

一 (yī) Eins                   二 (èr) Zwei                 三 (sān) Drei
中 (zhōng) Mitte        本 (běn) Wurzel          末 (mò) Wipfel

Diese Gruppe von Zeichen sind als Symbolzeichen zu verstehen. Sie weisen auf Sachverhalte hin. Der senkrechte Strich im Schriftzeichen 中 für „Mitte“ verläuft beispielsweise durch die Mitte eines Rechtecks. Das Zeichen 本 für „Wurzel“ besteht aus dem Zeichen für 木 „Baum“, wobei ein waagerechter Strich den unteren Teil des Baumstammes markiert.

4. Piktophonogramme

Diese Art von Schriftzeichen setzt sich aus einem sinngebenden und einem lautgebenden Teil zusammen. In diesem Fall ist der rechte Teil des Zeichens lautgebend und der linke Teil sinngebend. Dieser Kategorie gehören heute die meisten aller chinesischen Schriftzeichen an – etwa 90 Prozent.

妈 (mā) Mutter → Der linke Teil des Zeichens bedeutet „Frau“ bzw. „weiblich“ 女.
蚂 (mǎ) Ameise → Der linke Teil dieses Zeichens bedeutet „Insekt“ 虫.

Die Zeichen werden zwar beide „ma“ ausgesprochen, allerdings in zwei unterschiedlichen Tonlagen. Im modernen Standardchinesisch (auch Mandarin) gilt es, die vier verschiedenen Tönhöhen zu treffen.

5. Entlehnte Schriftzeichen

Zu dieser Gruppe gehören Zeichen, die es ursprünglich bereits gab und die nur aufgrund der gleichen Aussprache für ein neues Wort gewählt wurden. Das Schriftzeichen 不 (bù) wird heute als Partikel für die Verneinung verwendet. Ursprünglich hatte das Zeichen die gleiche Aussprache, hat aber eine Orchideenart bezeichnet.

6. Synonyme

Diese Zeichen haben sich aus einem grafisch ähnlichen Zeichen für ein Wort ähnlicher Bedeutung entwickelt. Zum Beispiel 考 (kǎo) „(alter) Vater“ aus 老 (lǎo) „alt“. Dies ist allerdings eine besonders seltene und zum Teil problembeladene Kategorie.

Chinesische Schriftzeichen

Anordnung der Schriftzeichen im klassischen Chinesisch

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Der vollständige Artikel ist erschienen unter dem Titel „Kalligrafie: Die Entwicklung der chinesischen Schriftkunst“ im China Tours Reisemagazin.

Autorin: Anna Sellmann

Sinologin M.A. | Dozentin für Chinesisch | Mitarbeiterin im Museum für Ostasiatische Kunst Köln | Mitarbeiterin im Museum für Lackkunst Münster | Blog-Redakteurin

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